Die Baugeschichte der Kapuzinerkirche St. Franziskus Seraph

Liborianum
Zwei Kapuzinermönche, Sigismund von Dinant und Alardus von Arras, kamen am 12. Dezember 1612 nach Paderborn, um hier ein Kloster zu errichten. Die Erlaubnis hierzu erteilte ihnen der Paderborner Fürstbischof Theodor von Fürstenberg, der mit ihrer Hilfe sowie der Unterstützung der Jesuiten die Rekatholisierung von Stadt und Bistum Paderborn vorantreiben wollte.


Der wohlhabende Domdechant Arnold von Horst kaufte den Kapuzinern ein Grundstück innerhalb der Stadtmauern: den Stadelhof. Dieses Grundstück lag nordöstlich des Stadtkerns. Hier errichtete er aus eigenen Mitteln ein Kloster und eine Kirche. Den Orden der Kapuziner hatte er während seines Studiums in Rom kennengelernt.

Bereits im (Spät-)Sommer 1616 wurden Kloster und Kirche durch einen verheerenden Brand wieder zerstört. Eine zweite Anlage wurde 1617 auf den alten Grundmauern errichtete. Doch bereits nach 50 Jahren war die Anlage baufällig und drohte einzustürzen. Ein dritter Klosterbau wurde notwendig. Der Dompropst von Sintzig hatte hierfür beträchtliche Geldmittel hinterlassen. 1673 wurde beschlossen, das Kloster abzubrechen. Am 12. April 1674 wuerde mit dem Neubau begonnen.

Der Kapuzinerbruder und Dombaumeister Ambrosius von Oelde wurde für die Planung und Bauleitung herangezogen. Im Jahre 1675 gehörte er dem Paderborner Konvent laut Aussage der Klosterannalen an. Ambrosius von Oelde war als führender Gestalter barocker Bauwerke in Paderborn und im Münsterland bekannt. Er arbeitete im Auftrag westfälischer Fürstbischöfe. Der Lebensweg und der künstlerische Werdegang des Kapuzinerlaienbruders und Architekten sind weitgehend undokumentiert. Weder ließ sich die familiäre Abkunft noch das genaue Geburtsdatum erfassen. Unter anderem gehören zu seinen Werken das Schloss Ahaus, Schloss Velen, Schloss Oberwerries, Schloss Eringerfeld in Geseke, das Kapuzinerkloster in Rüthen sowie die Deutschordenskommende in Warstein-Mülheim. Ebenso schuf er ein Kapuzinerkloster in Werne, das dem in Paderborn sehr nahe kommt.

In Paderborn aber blieb die Sorge um die Kirche. Diese wurde ebenfalls neugebaut. Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg half dem Kapuzinerorden aus der finanziell misslichen Situation. Die alte Kirche wurde bis auf die Grundmauern abgebrochen. Am 15. April 1681 legte er den Grundstein für die neue Kirche. Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg stiftete insgesamt 13.930 Reichstaler, die quittiert überliefert sind.

Der Bau der Kirche schritt schnell voran. Am 4. Juni 1683 konnte der hauptsächlich für Münster zuständige Weihbischof Niels Stensen im Auftrag des schwer erkrankten Fürstbischofs Ferdinand von Fürstenberg die Kirchweihe unter dem Patrozinium des Hl. Franziskus Seraph vornehmen.

Beschreibung der Kapuzinerkirche

Die Kirche entspricht in ihrer Bauweise dem allgemein üblichen Typus der Kapuzinerkirchen. Das Bauschema richtete sich nach den Regeln des Kapuzinerordens: barocke, einschiffige, vierjochige Saalkirche mit eingezogenem Chor und anschließendem Oratorium und darunter ein Totenkeller. Niederlassungsmöglichkeiten waren den Brüdern nur in Form von ärmlichen Wohnungen und Kirchen zugestanden worden; und sie durften „alles, was für sie gebaut wird annehmen, wenn sie der hl. Armut entsprechen“. Für den Klosterbau entwickelte sich nach und nach eine Typenform, die in der Kunstgeschichtsschreibung unter dem Begriff „Bettelordensarchitektur“ ihren Niederschlag fand.


Die Kirche und das Kloster sind im Kern bis heute erhalten. Die Kirche ist geostet und sie bildet einen vierjochigen Saal mit eingezogenem, rechteckigem Chor sowie einem anschließenden Oratorium. Allein vom Kloster aus ist das Oratorium zu betreten. Vier hintereinander gestaffelte Anbauten liegen im Süden: zwei rechteckige Seitenkapellen und nach Osten zwei langgestreckte Räume, eventuell Sakristeien.

Saal und Chor wurden durch Kreuzgewölbe überspannt, das Oratorium hingegen durch eine Längstonne. In der Westfassade liegt wie üblich der Haupteingang zur Kirche. Überraschend stark sind die Mauern der Wände: 1,51 m misst sie an der Westfassade, 1,77m in der Nordwand und 1,01 m an der Südwand.
Aufschlussreich ist, das der Grundriss des Saales im Innern nach dem Goldenen Schnitt berechnet ist, einer Maßeinheit, nach der Ambrosius von Oelde besonders gern seine Sakralbauten proportionierte.

Das Äußere der Kirche ist eher schlicht. Je vier starke, einfach gestufte, mit Eckverzahnung versehene Strebepfeiler gliedern die Langhausseiten. Die Strebepfeiler schließen dicht unterhalb des Satteldaches schräg ab. Im Süden werden die niedrigen Anbauten von Pultdächern gedeckt. Je ein hohes, rundbogig geschlossenes Fenster mit glattem Gewände durchbricht pro Joch die Langhausseiten.

Die Schlichtheit des Baues wird allerdings durch den terrassenförmigen Vorplatz durchbrochen. Ebenso entspricht das aufwendig gestaltete Kirchenportal im flämischen Barock mit dem Wappen des Stifters Ferdinand von Fürstenberg nicht dem eigentlich praktizierten Armutsideal. Der Fürstbischof hatte aber eine „repräsentative“ Ausrichtung ausdrücklich verlangt. Im Innern fand die Erinnerung an ihn nochmals ihren Niederschlag, indem auch dort das Stifterwappen Ferdinands am Übergang zum Chorbereich angebracht wurde. Es war ein sogenanntes „großes Wappen“, da Ferdinand von Fürstenberg auch Fürstbischof des Bistums Münster war.

Als lichter weiter Raum erscheint das Innere der Kapuzinerkirche. Der Kirchenraum besitzt ein Kreuzgewölbe. Zum Chor hin öffnet sich das Langhaus in weit heruntergezogenem Rundbogen. Die Anlage der Kreuzgratgewölbe im Chor ist ebenso wie die der anderen Gewölbe- und Bogenkonstruktionen rundbogig.

Die ursprüngliche reiche barocke Innenausstattung der Kapuzinerkirche – sie war ebenfalls eine Stiftung Ferdinands von Fürstenberg - bestand aus einem Hochaltar, der die Stigmatisierung des Hl. Franziskus zeigte. Es war eine Kopie des Kapuziners Damianus aus Düsseldorf nach einem Gemälde von Peter Paul Rubens. Die Nebenaltäre waren der Jungfrau Maria und Antonius von Padua geweiht. Diese drei Bildhauerarbeiten sowie die Kanzel werden dem Rüthener Bildschnitzer Paul Gladbach zugeschrieben. Die Kirche war im Jahre 1900 von dem damals in Westdeutschland viel beschäftigten Kirchenmaler Wilhelm Mengelberg, Uetrecht, ausgemalt worden. Die Kirche sowie das Kloster brannten am 27. März 1945 bis auf die Mauern nach mehrfachen Bombenangriffen vollständig aus. Die Malereien von Mengelberg wurden durch Witterungseinflüsse nach 1945 zerstört.


Die Grabanlage der Kapuziner besteht bis heute. Sie ist unter dem östlich vom Chor der Kirche gelegenen Oratorium sichtbar. In drei übereinander gelegenen Reihen, deren oberste jeweils kleine Gewölbe trägt, sind sie aufgerichtet und ähneln in ihrer Formgebung den jüdischen Schiebegräbern zur Zeit Christi. 76 Kapuzinermönche wurden hier von 1687 bis 1809 bestattet. Während des Zweiten Weltkrieges war hier ein Luftschutzkeller.

Die heutige Inneneinrichtung der Kapuzinerkirche

Da die Kapuzinerkirche 1945 völlig ausbrannte, musste nach dem Zweiten Weltkrieg überlegt werden wie man die neu wieder aufgebaute Kirche einrichtete und ausmalte. Die Bemühungen gingen dahin, den Innenraum möglichst wieder an den Barockstil anzulehnen. Dies ist in besonderem Maße gelungen, da ein Barockraum vorhanden war und auch barocke Exponate für die Innenausstattung verwandt wurden.

Einen Altar erhielt die Kirche 1962 aus einer Kapelle in Schildesche bei Bielefeld, der nicht mehr benutzt wurde. Der Altar ist wohl um 1680 gefertigt worden. Er wurde für Paderborn durch Johann Mühlenbein, Niedermarsberg, 1951 völlig überholt. Die beiden Altarbilder fehlten seit langem. Für sie fand sich jedoch Ersatz unter den Ölgemälden des Knabenseminars. Ein großes Ölgemälde mit der Darstellung der Madonna mit Jesuskind, umgeben von Bischöfen wurde eingefügt. Es sind der hl. Liborius links stehend, der hl. Kilian rechts kniend. Bei diesen drei Personen handelt es sich um die Patrone des Hohen Doms zu Paderborn. Dahinter Adolph von der Recke mit einem Kirchenmodell in den Händen. Von einem weiteren Bischof im linken Hintergrund des Bildes wird ein Drache festgehalten. Das Bild trägt die Unterschrift „Sub tuum praesidium confugimus“ – „Unter deinen Schutz fliehen wir“. Das Gemälde ist von dem Anton Willemßen aus Antwerpen 1658 gemalt worden.

Im Geschoß über diesem Bild befindet sich im ovalen Rahmen die Huldigung des Paderborner Bistumspatrons St. Liborius vor der Madonna mit dem Kind. Dieses Gemälde stammt von einem unbekannten Künstler aus dem 18. Jh. und ist qualitativ weniger bedeutend. Die Inschrift darunter lautet „Herr, Gott, freudig alles dargebracht“. Der moderne Tabernakel zeigt Christus und Petrus mit der darüber gesetzten Aufforderung Jesu an Petrus „Veni!“ – „Komm!“.

Die ausdrucksstarken Fenster stammen von dem Essener Glasmaler Nikolaus Bette. Er schuf auf der Südseite einen Christuszyklus und auf der Nordseite einen Zyklus des hl. Franziskus von Assisi. Dies ist somit ein Einrichtungsgegenstand, der sich direkt auf den Patron der Kapuzinerkirche  bezieht. Der Christuszyklus weist von West nach Ost sechs Fenster auf: Pantokrator, Versuchung Jesu durch den Teufel, 12jähriger Christus im Tempel, Bergpredigt, die Kreuzigung Christi und abschließend die Auferstehung Christi. Die vier Fenster zu Franz zeigen den Sonnengesang, das Ablegen der Kleider auf dem Marktplatz, die Vogelpredigt und die Stigmatisierung. Der Betrachter kann sehr genau die Parallelisierung der Bilderfindung für Christus und Franz nachempfinden. Die Fenster sind nicht vielfarbig, sondern dezent nur in Weiß, abgestuften Grautönen, Schwarz und Gelb gehalten. Diese Farbwahl wirkt in dem Raum, der in Weiß- und Rosetönen gehalten ist, sehr angenehm und wohltuend. Die Glasmalereifirma Peters in Paderborn führte den Entwurf für die zehn Fenster von Bette aus.

In jeweils drei Nischen an den Seitenwänden sind barocke Figuren von Ordensgründern eingegeben. Auf der Südseite folgen von Osten nach Westen: Antonius der Eremit mit einem Stab in der rechten Hand (Wüsten-väter), Benedikt von Nursia, der in der rechten Hand einen Kreuzstab hält und links ein Buch trägt (Benediktiner) und Dominikus, der rechts einen Kreuzstab hält und links ein Buch (Dominikaner). Auf der Nordseite folgen von West nach Ost: Norbert von Xanten mit einem Kelch (Prämonstratenser), Franziskus von Assisi mit ausgebreiteten Armen (Franziskaner) und Bruno, der in der rechten Hand ein Buch und links ein Kreuz hält (Kartäuser).

1954 wurde eine Orgel für die Kapuzinerkirche fertig gestellt. Sie stammt von der Paderborner Firma Feith, die ein historisches Prospekt von Weith-man verwandte, das um 1700 erbaut wurde. Dieses restaurierte sodann der Kunstmaler Weitzner. Im Jahre 1987 wurde eine Orgel der Firma Sauer eingebaut. An der Orgelbrüstung befindet sich das Wappen von Lorenz Kardinal Jäger (1941-1973; + 1975). Er konsekrierte am 20. Januar 1952 die Kirche neu.


1976/77 wurde die Kirche zuletzt renoviert. Diese Arbeiten beinhalteten speziell die Erhaltung und Hervorhebung der barocken Strukturen. Dabei ist auch das Inventar der Kirche um einige Objekte erweitert worden. Es handelt sich zum Teil um Leihgaben aus dem Diözesanmuseum Paderborn.

Nutzung des ehemaligen Klosters

Diente das Klostergebäude bis 1835 den Kapuzinerpatres, so änderte sich danach mehrfach die Nutzung. Pauline von Mallinckrodt betreute hier von 1840 bis 1846 die ersten blinden Kinder. Lange Zeit diente das Kloster als Knabenseminar der (Erz-)Diözese (1846-1979). Kurze Unterbrechungen gab es im Kulturkampf und im Zweiten Weltkrieg. Auf Einladung von Kardinal Lorenz Jaeger kam im Jahr 1945 ein Konvent der Franziskanerinnen von der ewigen Anbetung aus Olpe ins Liborianum. Seit 1979 ist nun im Kloster das Bildungs- und Gästehaus Liborianum, eines der fünf Bildungshäuser und Akademien des Erzbistums Paderborn, untergebracht.

Text:
Petra Mecklenbrauck und Stephan Winzek

Literatur:
Höper, Eva-Maria: Ambrosius von Oelde. Ein Kapuzinerarchitekt des Frühbarock im Dienst der westfälischen Fürstbischöfe, Dülmen 1990.
Höper, Eva-Maria: Ambrosius von Oelde. Ein Kapuzinerarchitekt des Frühbarock in Westfalen, Münster 1992.
Pieper, Roland: Historische Klöster in Westfalen Lippe. Ein Reisehandbuch, Münster 2003, S. 164-165.
Tack, Wilhelm: Die Wiederverwendung eines Barockaltares aus Schildesche in der Kapuzinerkirche zu Paderborn, in: Alte und neue Kunst im Erzbistum Paderborn Jg. 2, 1952, S. 51-54.
Zacharias, Klaus ( Hrsg.): Zur Geschichte des Paderborner Kapuzinerklosters 1612-1834. Das „Jahrbuch der Capuziner in Paderborn“ des P. Basilius Krekeler von 1859 (Paderborner Beiträge zur Geschichte Band 9), Köln 1999