Reise des Fördervereins nach Rumänien vom 11. bis 18. Mai 2015

 
Noch wissen wir es alle nicht, dass es unsere letzte gemeinsame Reise mit Herrn Schwingenheuer sein wird, als wir uns zu 29 Mitgliedern bzw. Gästen am späteren Vormittag des 11. Mai 2015 am Flughafen Paderborn/Lippstadt treffen, um zusammen per Lufthansa, die sich seit dem Unglück der
Tochtergesellschaft Germanwings am 24.03.2015 um imagefördernde Kundenwerbung bemüht, via München nach Bukarest zu fliegen.

Dort nimmt uns unser rumänischstämmiger, aber die deutsche Sprache recht flüssig radebrechender Guide - „Herr Daniel“ -  der uns in der kommenden Woche begleiten wird, zusammen mit dem jede brenzlige Situation routiniert meisternden Fahrer, Herrn Miron, in Empfang, um uns nach dem Quartierbezug für eine Nacht zu einem Abendessen mit lautstarker Folklore-Musik zu begleiten. Der nächste Tag hat nach dem Besuch der Klöster Curtea de Arges und Cozia den Schwerpunkt in Sibiu (Hermannstadt), das als eine der ältesten Städte Siebenbürgens  und Perle mittelalterlicher Architektur gilt. Über uns wölbt sich zartblauer, wolkenloser Himmel, und die pastellfarbig gestrichenen und mit sichtlich neu eingedeckten Dächern glänzenden Häuser umrahmen nicht nur den Marktplatz, sondern leuchten im gesamten Stadtbild.

Insgesamt ergibt sich für uns nach zwei Tagen der nachhaltige Eindruck, dass die Rumänen und ihr Land besser sind als ihr Ruf, dass nicht desolate Kinderheime das Bild bestimmen und unsere Reisefreude mindern können. Die Rumänen haben inzwischen offenbar gemerkt, dass der Tourismus eine ihrer Haupterwerbsquellen ist und bemühen sich unterkunftsmäßig und kulinarisch um ihre Gäste. Sicherlich findet man ab und zu als Sinti oder Roma aussehende Menschen im Straßenbild sowie unbefestigte Strassenbankette oder Bürgersteige, bzw. dickbereifte, russisch anmutende „Panje“-Wagen, die von Pferden gezogen werden. Auch der von sämtlichen deutschen Bundesländern vertraute Anblick verfallener Häuser taucht im Straßenbild auf. Jedoch verblassen diese Erscheinungsformen vor der wunderbaren, urwüchsigen Natur, wie sie sich insbesondere am 6.Tag (16.5.2015) im Roten See (Lacul Rosu) und der Bicaz-Klamm Richtung Siebenbürgen offenbaren. -Der Geograph unter uns äußert oftmals den Wunsch:“ Hierhin möchte ich einmal eine Exkursion machen!“

Erstaunlicherweise und mit der Minderheitenpolitik der Nachkriegszeit im Widerspruch stehend, tauchen namentlich in Siebenbürgen deutsche Sprachschilder auf. Insgesamt scheint die deutsche Sprache noch um Hermannstadt und Kronstadt (Brasov) präsent zu sein.

Stets, wenn auch assistiert von einem Teleskop-Stock als Gehhilfe, ist Herr Prälat Schwingenheuer dabei, der in Gesellschaft seines Bruders und dessen Lebensgefährtin sowie des Neheimer Ehepaars Erdmann reist. Die kleinen Mißhelligkeiten der Hotelgastronomie, wie z.B. einmal morgens kein warmes Wasser in der Dusche, was aber sofort nach einer Beschwerde unseres Guides geändert wird, kommentiert er -seiner sonnigen Gemütslage entsprechend- als nebensächlich. Die Planwagenfahrt am Ende des 3.Tages (13.5.2015) absolviert er heiter gestimmmt und angereichert mit „Dönekes“:“Als ich noch Pastor in Fredeburg war, kam einmal ein Mann zu mir und sagte:`Herr Pastor sagte er...“ Auch die „Himmelsleiter“ in Schäßburg (Sighisoara)- ein mit 175 Stufen versehener überdachter Abkürzungsgang der Schüler, absolviert er („Weil ich es wissen will!“), verspürt aber eingestandenermaßen – wie viele von uns - am nachfolgenden Tag Muskelkater.

Insgesamt entdecken wir beim Besuch verschiedener Kirchen wie der Margarethenkirche in Medias (Mediasch) und  den Kirchenburgen in Birthälm ( Biertan) (beide am 3.Tag – 13.5.2015), der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Bistriz (Bistrita) (am 4.Tag – 14.5.2015) und der Schwarzen Kirche in Kronstadt (Brasov ) (am 7.Tag – 17.5.2015), dass die vor dem 16. Jahrhundert angeschafften Kunstgegenstände wie Flügelaltäre, Chorgestühl, Predigtkanzeln und Orgelprospekte allesamt die Reformation überstanden, dass aber die Gegenreformation in diesem Teil Europas trotz Habsburgischer Herrschaft wenig Raum fand.

Einen Höhepunkt bildet am 5.Tag (Freitag, den 15.5.2015) der Besuch der in der Bukovina (Buchenland) angesiedelten und als UNESCO – Weltkulturerbe eingestuften Moldau – Klöster Moldovita, Sucevita und Voronet. Die Bemalung der seit Jahrhunderten an den wetterabgewandten oder nicht vom Feuer heimgesuchten Außenseiten der weit überdachten Kirchen ist atemberaubend und sollte damals den weitgehend analphabetischen Gläubigen das gesamte alt- und neutestamentliche Spektrum der religiösen Erfahrungen bieten. Namentlich das Blau des Klosters Voronet, das entgegen landläufiger Meinung nicht auf gemahlenem Lapislazuli, sondern auf der Basis von Azurit gründet, wirkt eindrucksvoll. So entstand der auch von unserem Guide – Herrn Daniel – und von der schwarz gewandeten Schwester Tatjana im Kloster Moldovita bestätigte Eindruck, dass die orthodoxen Christen in Rumänien die Zeit des Kommunismus auf Grund ihrer ausgeprägten Religiosität besser überstanden haben als die ehemalige „DDR“, die heute noch unter ihrem „geistigen Kahlschlag“leidet.

Langsam bekommen wir durch die Moldau-Klöster bzw. durch deren Innenräume einen geschulten Blick für ikonenhafte Darstellungen.

Herr Schwingenheuer genießt diese Wiederbegegnung mit den Moldau-Klöstern – er war schon einmal dort mit seinem ehemaligen Mitschüler, unserem Vereinsmitglied Dr. Gerd Müller – ganz besonders. Lediglich die weniger lohnende Burg Bran (Törzburg) mit dem nur entfernt die Sage des Dracula streifenden Schloß – ein „Neuschwanstein Rumäniens“ -animiert ihn wegen des steilen Aufstiegs nicht. So bleibt er zurück in Gesellschaft seines Bruders, mit dem er während unseres Spaziergangs „wundervolle Gespräche“ führt.

Am Rückreisetag genießt er vom Bus aus die gigantomanische Architektur Bukarests während der Zeit des Kommunismus, muß aber wegen der im Reisegepäck verstauten Gehhilfe im Münchener Airport weite Wege zurücklegen. Umso aufmerksamer erscheint es, als in Paderborn ein Rollstuhl an die Gangway geschoben – und von Herrn Schwingenheuer beifällig aufgenommen wird. Wir spüren noch seinen kräftigen Händedruck zum Abschied, einem Abschied für lange Zeit...

Wir sind sicher: er hat nach seinem Tod die Himmelstüren weit geöffnet vorgefunden und kann dort jetzt seine „Dönekes“ erzählen:
"Als ich noch Pastor in Fredeburg war, kam einmal ein Mann zu mir
und sagte: 'Herr Pastor', sagte er…"

Wir werden seinen Verlust immer schmerzlich spüren.

Brigitte Brütting